Warum ein Ehrendoktor für den Dalai Lama?
Am 3. August soll der Dalai Lama von der Universität Marburg die Ehrendoktorwürde erhalten. Der Fachbereich Fremdsprachliche Philologien hat dies einstimmig beschlossen. Begründet wird dies damit, dass der Dalai Lama „für sein wissenschaftliches Wirken“ geehrt werden soll.
Diese Begründung muss erstaunen: Man kann dem Dalai Lama ja einiges unterstellen, doch dass er wissenschaftlich gewirkt haben soll und wirkt, trifft sicher nicht zu. Ist er nicht vielmehr eine Art religiöser Führer, medienfreudiger Exponent der spezifisch-tibetischen Spielart des Buddhismus? Und sind seine Bücher nicht Ausdruck gerade dieser buddhistischen Religiosität und eben nicht von Wissenschaft? Und was hätte gerade diese Religion mit Wissenschaft zu tun? Die Initiatoren mussten sich schon etwas verbiegen, um den Bezug zur Universität noch hinzubekommen. Doch das „wissenschaftliche Wirken“ des Dalai Lama bleibt weiterhin ein falsches Etikett, mit dem die Ehrendoktorwürde der Öffentlichkeit schmackhaft gemacht werden soll.
Warum aber ehrt die Universität überhaupt einen religiösen Führer? Neben dem offenbaren Wunsche, sich wie andere Universitäten im vermeintlichen Glanze des Dalai Lama zu sonnen, sind die Gründe eher emotionaler Art. Offenbar hat auch im Fachbereich Fremdsprachliche Philologien eine Romantisierung und Verklärung des Dalai Lama und des tibetischen Buddhismus um sich gegriffen, wie sie in vielen Teilen der westlichen Welt zu beobachten ist. Das alte Tibet erscheint vor allem in esoterischen Kreisen als das gelobte Land, und der immer lächelnde Dalai Lama tut alles, um diesen Eindruck zu verstärken. Quer durch alle Parteien und Gesellschaftsschichten hat sich ein moderner Mythos etabliert, der sich ausleben will, und der sogar dazu führen kann, dass an sich kritische WissenschaftlerInnen auf ihre Art ebenso diesem vorgeblichen Faszinosum erliegen wie deutlich weniger kritische VertreterInnen des esoterischen Bewusstseinssupermarkts.
Dabei muss man festhalten: Das friedliche und harmonische Tibet hat nie existiert. Es ist eine westliche esoterische Wunschvorstellung.
Tibet war bis Mitte des 20. Jahrhunderts eines der rückständigsten Länder der Welt. Bedingt auch durch die geographische Lage konnten es seine religiösen Herrscher lange gegen möglichst alle Einflüsse aus dem Ausland abschotten.
Doch die Herrschaft des tibetischen Buddhismus bedeutete noch mehr:
Der Aberglaube, dass die Menschen wiedergeboren werden und sich ihr vorheriges Leben im jetzigen Leben widerspiegelt (Karmaglaube) führt dazu, dass Arme und Kranke letztlich für ihr Elend selbst verantwortlich sind, weil sie offenbar in einem früheren Leben gesündigt haben. Die Hungernden der Dritten Welt sind also selber schuld. Hätten sie sich in ihrem früheren Leben mehr Mühe gegeben, wären sie jetzt nicht in dieser Situation. So simpel kann man die Welt erklären!
Dem Tibet der Lamas mangelte es an allem, was eine moderne freiheitliche Gesellschaft ausmacht: Menschenrechte, Freiheit, Rechtsgleichheit, Toleranz, Offenheit, freier Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung. Man darf also froh sein, dass diese religiöse Diktatur abgewirtschaftet hat. Die Lama-Herrschaft war geradezu das Musterbild einer Gesellschaft, wie sie nicht sein soll. Um so grotesker ist es, wenn aus westlicher „unkritischer Gefühlsduselei“ (Ulrich Wickert, Tagesthemen) heraus gerade diese Gesellschaft idealisiert wird. Dass sich Menschen nach Harmonie und Frieden sehnen, ist verständlich. Im alten Tibet aber war sie nicht zu finden. Die Marburger Universität muss sich fragen lassen, ob sie bedacht hat, dass die Ehrung des Dalai Lama, der ja immerhin für fast 10 Jahre das religiöse Oberhaupt dieser unmenschlichen Gesellschaft war, nicht an dem Leid derer vorübergeht, die unter den Gelbmützen jahrhundertelang gelitten haben.
Erneut gefragt: Ist die Ehrung eines religiösen Führers, der von seinen Anhängern als „Gottkönig“ verehrt wird und sich mit „Seine Heiligkeit“ anreden lässt, wirklich sinnvoll für das Ansehen einer wissenschaftlichen Hochschule? Ist es wirklich ein Gewinn einen Mann zu ehren, der bei aller medienwirksam vorgetragenen Freundlichkeit doch Exponent einer religiösen Ideologie ist, die der wissenschaftlichen Forschung diametral entgegengesetzt ist? Warum wertet man eine religiöse Ideologie auf, deren Maxime denen einer freien Gesellschaft und einer freien Wissenschaft so entgegengesetzt sind? Gibt es nicht andere Menschen, die eine solche Ehrung eher verdient hätten? Es ist jedenfalls kein Ruhmesblatt, dass sich die Philipps – Universität auf diese Weise meint exponieren zu müssen. Und die Professoren, die diesen Prozess ins Rollen gebracht haben, sollten sich fragen, ob hier nicht etwas zuviel Schwärmerei im Spiel gewesen ist.
Die Wissenschaft hat erst große Fortschritte gemacht, nachdem sie sich aus den Fesseln der Religion befreit hat. Sie sollte sich nicht erneut vor den Karren irgendeiner Religion spannen lassen, sei sie östlich oder westlich. Sie hat Besseres im Gepäck.
FreundInnen der Aufklärung und Vernunft
Literaturhinweise:
Colin Goldner „Dalai Lama. Fall eines Gottkönigs“, Neuauflage 2008, 734 Seiten
Bruno Waldvogel-Frei: Das Lächeln des Dalai Lama:…. und was dahinter steckt, 2. Aufl. 2008, 160 Seiten
Alan Winnington: Tibet. Die wahre Geschichte, 2. Aufl. 2008, 320 Seiten
www.gottkoenig.de


